Fashion Workshop, Hamburg

Prof. Alena Bartschat

Mit 30 Jahren hat sie noch mal einen anderen Weg ausprobiert. Da hat Alena Bartschat ein Management-Studium am Bodensee aufgenommen. Zu dem Zeitpunkt lagen bereits 5 Jahre als Designerin für die Haute Couture und die Prêt-à-Porter-Linie von Givenchy und als Strickdesignerin für das Schweizer Luxuslabel AKRIS hinter ihr. Jahre mit furiosen Kollektionen und intensiven Stunden mit den besten Schnittmachern, Schneidern, Stoffmalern, Plissiermeistern und Stickkünstlerinnen Frankreichs, Italiens und der Schweiz.
„Das Management-Studium habe ich wieder abgebrochen“, berichtet Alena Bartschat. „Es war nicht das Richtige für mich. Aber es hat mir insofern geholfen, als ich jetzt ganz sicher weiß: Kreativität ist das, was mich antreibt, beflügelt und glücklich macht. Es ist das, was ich tun will.“

Heute lehrt Alena Bartschat als Professorin für Fashion Design am Hamburger Standort des Atelier Chardon Savard. Wir haben Sie für ein Gespräch getroffen.

Interview

Frau Bartschat, was wollen Sie Ihren Studierenden beibringen?

Mehr als anderes andere will ich meinen Studierenden Sehen beibringen.

Was meinen Sie damit? Es klingt ein wenig banal …

Lassen Sie mich etwas ausholen. Gutes Modedesign basiert immer auf einer Idee. Es steht in einem Kontext. Dieser Kontext kann total divers sein: Eine Landschaft. Ein Gebäude. Die Werke eines Künstlers. Der Blick aus dem Fenster. Menschen bei der Arbeit. – All das sind mögliche Inspirationsquellen für den Modeschöpfer. Und dabei geht es nicht nur um die sichtbare Welt.  Auch gesellschaftliche Entwicklungen liefern uns Modeschaffenden starke Impulse, politische Ereignisse, kulturelle Strömungen und natürlich persönliche Erlebnisse. Alles, was Emotionen hervorruft, kann uns inspirieren. Wenn ich also sage, dass ich meinen Studierenden Sehen beibringe, dann geht es genau darum: Die eigene Wahrnehmung zu schärfen und aus der unendlichen Fülle an täglichen Eindrücken und Erlebnissen Inspirationen für den kreativen Prozess zu ziehen. Diese Kompetenz vermitteln wir zum Beispiel im Zeichenunterricht. Denn Zeichnen ist Sehen. Dominique Savard, die Gründerin des Atelier Chardon Savard, hat hier eine eigene, sehr innovative und extrem erfolgreiche Didaktik entwickelt, nach der wir unterrichten. Jeder kann zeichnen, war ihre Grundüberzeugung, denn jeder kann Sehen lernen.

Sie nennen außerdem Präzision und Disziplin als Kernkompetenzen eines Fashion Designers. Was hat es damit auf sich?

Präzision und Disziplin sind unabdingbar, um eine kreative Idee in ein fertiges Kleidungsstück zu verwandeln. Ich sage es ungern, aber jeder große Fashion Designer ist ein großer Pedant. Oder positiv formuliert: Je präziser die Studierende ihr Handwerk lernen, desto überzeugender werden ihre Ergebnisse. Zeichnen, Visualisieren, Schneidern, Drapieren – sämtliche im Fashion Design relevanten Techniken profitieren von einer disziplinierten Arbeitsweise.

Das klingt sehr streng. Wie begeistern Sie die Studierenden?

Die Frage würde keine Fashion Designerin, keine Schnittdirectriece oder Maßschneiderin jemals stellen. Haben Sie noch nie die Schönheit perfekter Handwerkskunst erleben dürfen? Haben Sie noch nie ehrfürchtig vor der Silhouette eines perfekt geschnittenen Mantels gestanden? Oder die unvergleichliche Sinnlichkeit von reinem Cashmere gespürt? In meiner Zeit bei Givenchy hatte ich das große Glück, mit vielen traditionellen Handwerksmeistern zusammenarbeiten zu dürfen und regelmäßig Zeit in ihren Werkstätten zu verbringen. Wenig hat mich mehr beeindruckt als die Perfektion ihrer Arbeiten und das inspirierende Miteinander, das dort gepflegt wird. Diese Erfahrung werden auch meine Studierenden machen. Der Wunsch nach maximal präzisem und wertschätzendem Umgang mit Textilien entsteht dann ganz von selbst.

Apropos Textilien. Der Pariser Haut Couture Kosmos ist nicht zwingend das Arbeitsfeld der meisten Fashion Designer. Wie erleben Sie die weltweite Modeindustrie und wie bereiten Sie Ihre Studierenden darauf vor?

Das ist eine sehr gute Frage. Der ökologische Footprint der Modeindustrie ist katastrophal. Die Entwicklung hin zur Fast Fashion Industrie belastet unsere Umwelt unerträglich. Ich kenne die großen Textilfabriken Asiens aus eigener Anschauung. Ich weiß, wie viele der produzierten Textilien nie zu Kleidung verarbeitet wird und wie viel der produzierten Kleidung nie gekauft wird. Hier wollen wir ansetzen. Wir wollen unsere Studierenden für diese Missstände sensibilisieren und ihnen Instrumente an die Hand geben, das Modebusiness nachhaltiger zu gestalten. Und zwar nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit Lust an der Kreativität, am Upcycling und naturnahen Textilien.

Wie meinen Sie das?

Nichts stimuliert die Kreativität mehr als Beschränkungen. Das mag paradox klingen, deckt sich aber mit meinen Erfahrungen. Nach meiner Zeit bei Givenchy und AKRIS habe ich freiberuflich gearbeitet und Strickkollektionen für große, renommierte Labels ebenso wie für Newcomer entworfen. Meine Entwürfe mussten sich immer einpassen – in den Rahmen einer Gesamt-Kollektion, in einen farblichen und thematischen Rahmen, aber auch in einen wirtschaftlichen Rahmen. Ich versichere Ihnen: Sich in Gegebenheiten und Vorgaben einzuarbeiten und sie dann mit eigenen Ideen weiterzuentwickeln – das ist nicht nur eine ganz typische Anforderung an Fashion Designer, sondern auch eine ganz beglückende. Ich freue mich sehr, meine Studierenden darauf vorzubereiten.